Der November verabschiedet sich langsam, und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich der Zeit hinterher schauen möchte, obwohl sie längst wieder um die Ecke verschwunden ist. Vor ein paar Monaten hat mich jemand gefragt, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Früher hätte ich mit Sicherheit von bestimmten Plänen gesprochen.
Diesmal habe ich nur kurz überlegt und gesagt:
„Ich weiß es nicht. Gar nicht? „Ich lebe heute.“
Und erstaunlicherweise fühlte sich das nicht nach Aufgabe an, sondern nach Erleichterung. So, als würde man die Tasche abstellen, die man monatelang ununterbrochen getragen hat. Man steht plötzlich ein bisschen gerader, atmet tiefer, merkt erst, wie schwer sie eigentlich war.
Die erste Impfung
Als es hieß: „Wir können anfangen“, liefen die Tage irgendwie los, ohne uns vorher zu fragen, ob wir bereit sind. Dann waren wir nochmal stationär aufgrund von Therapiefolgen, das übliche Chaos und plötzlich ging es wirklich los.
Mitten in der Nacht sind wir nach Greifswald gefahren. Die Impfung selbst war unspektakulär: Blutentnahme, Pieks, freundliche Menschen, ein Raum, der mehr nach Desinfektionsmittel roch als nach Hoffnung und trotzdem genau das war. Mali hatte Angst vor der Spritze, und wir haben sie nicht mit großen Worten beruhigen können. Mut ist nicht glänzend oder laut.
Im Eltern-Kind-Haus war sie sofort Feuer und Flamme. Spielsachen, Bällebad, alles neu, alles wirkte wie eine kurze Pause vom Ernst, der sonst an unseren Tagen klebt. Ich habe kaum geschlafen, dafür zu viele kreisende Gedanken, die sich nicht abstellen lassen.
Bevor wir heimfahren, wollten wir Mali noch das Meer zeigen. Es lag da wie im Nebel verpackt, aber irgendwie gerade deshalb wunderschön. Eine Stunde Urlaub. Eine Stunde „wir gehören auch zu diesen Menschen, die am Strand stehen“.


Heilen im 14 Tage – Takt
Jetzt fahren wir alle zwei Wochen nach Greifswald. Hin, übernachten, wieder zurück. Es ist weit. Es ist anstrengend. Manchmal frage ich mich, wie wir das alles schaffen und dann tun wir es einfach, wie so vieles in diesem Jahr.
Die zweite Impfung war entspannter. Danach sind wir durch die Stadt spaziert, haben uns Läden angesehen, ohne etwas zu brauchen. Einfach nur laufen, sehen, atmen. Greifswald ist schön, finde ich. Auf dem Rückweg zum Auto sagte Mali:
„Das war ein schöner Tag.
Und dieser Satz war perfekt. Manchmal reicht heute.
Zuhause wollte sie wissen, warum sie immer eine Spritze bekommen muss, die weh tut. Ich sagte ihr, dass sie etwas im Bauch hatte, das nicht wiederkommen soll. Seitdem zeigt sie stolz auf ihre Narbe und erklärt:
„Mein Bauch wurde repariert.“
Und manchmal schaut sie dabei so fröhlich und wirkt dabei so ernst, dass man glauben könnte, das Leben sei etwas, das man auseinanderbauen, neu zusammensetzen und weitermachen kann.
Ein bisschen kaputt vielleicht, aber gut repariert.
Und ich denke, dass Kinder eine Fähigkeit besitzen, die wir Erwachsenen manchmal verlieren:
Sie glauben daran, dass Dinge wieder heil werden können.
Vielleicht nicht perfekt. Aber gut genug, um weiterzugehen. Vielleicht mit einem Kratzer oder abgeblätterter Farbe, aber in der Funktion nicht wesentlich beeinträchtigt.



Malis Sätze sind unsere kleinen Schätze:
Sie hat in letzter Zeit so viele Sätze gesagt, die ich mir aufgeschrieben habe:
„Schade, dass wir keine Leiter haben, um den Mond anzuschauen!“
„Mama, ich bin glücklich wie die Vögel!“
(Auf der Schaukel, im Wind perfekter Moment)
„ALLES!“ Auf die Frage der Krankenschwester, was sie sich zu Weihnachten wünscht.
Und dann gab es diesen Satz:
„Mama, weißt du, warum ich dich so liebe? „Weil du immer so tapfer bist.“
Ich glaube nicht, dass Mali ahnt, wie tief solche Worte fallen…denn danach hat sie Pupsgeräusche mit dem Mund gemacht.


Heute Meer, morgen Spritze, übermorgen Weihnachten.
Die Termine strengen an. Die Therapie-Folgen strengen an.
Aber Kinder machen das unfassbar gut mit. Sie leben weiter. Sie springen, sie lachen, sie finden in jeder Ecke ein Stück Normalität. Und wir versuchen, davon zu lernen.
Weihnachten verbringen wir in der Familienreha. Alle 14 Tage fahren wir trotzdem zur Impfung. Dazwischen wollen wir die Zeit nutzen, Dinge genießen, die sonst untergehen. Und darauf freuen wir uns.

Wir wünschen euch, dass ihr in dieser hektischen Vorweihnachtszeit kleine Inseln findet, auf denen es ruhig ist. Dass ihr gesund bleibt! Fern von all den Viren, die gerade durch die Gegend wirbeln. Dass ihr vielleicht ein bisschen mehr im Heute lebt. Und ein bisschen so wie Kinder: laut, neugierig, ehrlich und offen.
Auch ohne Mondleiter.
Danke, dass ihr uns begleitet. Danke, dass ihr uns so viel ermöglicht.
Und danke, dass wir uns getragen fühlen.
Bis bald
Nadja, Jens & Mali

